Das Paradoxon des untrainierten Athleten
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ein 75-jähriger Mann, der seit Jahren keinen Sport getrieben hat, meldet sich für den Berlin-Marathon an. Er trainiert nicht. Am Wettkampftag steht er an der Startlinie und läuft los.
Was wird passieren? Nach wenigen Kilometern wird sein kardiovaskuläres System kollabieren. Sein Stoffwechsel wird in den anaeroben Bereich rutschen, Laktat wird sich anhäufen, und er wird das Rennen nicht beenden – oder im Sanitätszelt landen. Jeder würde sagen: “Das war fahrlässig. Man kann keinen Marathon ohne Training laufen.”
Doch in der Chirurgie tun wir täglich genau das.
Eine große abdominale Operation (z.B. Whipple-OP, Ösophagus-Resektion) oder eine komplexe Gelenk-Revision löst im Körper eine physiologische Stressantwort aus, die in Intensität und metabolischem Bedarf einem Marathonlauf oder einem Boxkampf gleicht.
Wir muten unseren Patienten – den “Athleten des Alltags”, die oft alt, gebrechlich (frail) und dekonditioniert sind – diesen massiven Stress zu, ohne sie darauf vorzubereiten. Wir hoffen, dass ihre Reserven reichen. Die Sportmedizin lehrt uns, dass Hoffnung keine Strategie ist. Vorbereitung ist alles.
Die Physiologie des chirurgischen Stresses: Warum wir Reserven brauchen
Um zu verstehen, warum Sportmedizin in der Chirurgie relevant ist, müssen wir auf die zelluläre Ebene blicken.
Eine Operation löst eine massive systemische Entzündungsreaktion (SIRS) und eine Aktivierung des sympathischen Nervensystems aus. Der Sauerstoffbedarf (VO2) der Gewebe steigt sprunghaft an, um die Wundheilung und die Immunabwehr zu befeuern.
Hier kommt die Kardiopulmonale Leistungsreserve ins Spiel.
- Sauerstoffangebot (DO2) vs. Verbrauch (VO2): Ein trainierter Körper kann das Herzzeitvolumen steigern, um den erhöhten Bedarf zu decken.
- Die Anaerobe Schwelle (AT): Ist der Patient dekonditioniert, erreicht sein Herz-Kreislauf-System schnell sein Limit. Kann der Sauerstoffbedarf nicht mehr aerob gedeckt werden, schaltet der Stoffwechsel auf anaerobe Energiegewinnung um.
- Die Folgen: Laktat steigt, eine metabolische Azidose entsteht, die Zellfunktion wird gestört. Klinisch manifestiert sich dies als Organversagen, Wundheilungsstörung oder myokardiale Ischämie.
Die Evidenz ist brutal: Studien (u.a. von Snowden und West) zeigen eine direkte, lineare Korrelation zwischen der anaeroben Schwelle (gemessen in der Spiroergometrie/CPET) und der Mortalität. Patienten mit einer VO2max unter einem bestimmten Schwellenwert haben ein extrem hohes Risiko, die Klinik nicht lebend zu verlassen.
Preconditioning: Das Trainingslager vor dem Wettkampf
In der Sportmedizin gibt es das Konzept des Preconditioning. Man setzt den Körper gezielten Reizen aus, um ihn widerstandsfähiger gegen zukünftigen Stress zu machen.
Genau das ist Prähabilitation. Es ist kein “Wellness-Programm”, sondern ein physiologisches “Trainingslager” vor dem Wettkampf “Operation”.
Dabei gelten die gleichen Trainingsprinzipien wie im Leistungssport, angepasst an die Onkologie oder Geriatrie:
1. Superkompensation (Der Reiz muss stark genug sein)
Ein Spaziergang reicht nicht. Um die mitochondriale Kapazität und die VO2max in kurzer Zeit (2-4 Wochen) zu steigern, benötigt der Körper einen überschwelligen Reiz.
Die Lösung ist oft HIIT (High Intensity Interval Training). Studien zeigen, dass selbst betagte Patienten Intervalle auf dem Ergometer sicher durchführen können und dabei ihre aerobe Kapazität deutlich schneller steigern als durch moderates Dauertraining.
2. Fueling (Ernährung als Treibstoff)
Kein Marathonläufer startet mit leeren Glykogenspeichern. Doch viele Patienten kommen nüchtern und im katabolen Zustand (nach langer Nahrungskarenz) in den OP.
Sportmedizinische Prähabilitation bedeutet: Carbohydrate Loading vor der OP und Protein Loading in den Wochen davor, um die Muskelmasse (den Motor) zu erhalten.
3. Tapering (Erholung vor dem Start)
Ein Sportler trainiert nicht hart am Tag vor dem Wettkampf. Er reduziert das Training (“Tapering”), um frisch an den Start zu gehen.
Auch in der Prähabilitation muss das Timing stimmen. Motus steuert die Intensität so, dass der Patient in den 48 Stunden vor der Narkose regeneriert, aber nicht dekonditioniert.
Das Umsetzungsproblem: Chirurgen sind keine Personal Trainer
Das Konzept leuchtet jedem Mediziner ein. Das Problem ist die Umsetzung.
Ein Viszeralchirurg oder Orthopäde hat weder die Zeit noch die Expertise, um individuelle, pulsfrequenz-gesteuerte Trainingspläne für 500 Patienten im Jahr zu schreiben.
Zudem fehlt die Überwachung. Man kann einem 80-jährigen Patienten nicht einfach sagen: “Machen Sie mal Intervalltraining.” Das Risiko einer Überlastung oder Verletzung ist real. Ohne Steuerung ist intensives Training gefährlich; zu leichtes Training ist wirkungslos.
Hier klafft die Lücke zwischen der sportmedizinischen Theorie und der klinischen Realität. Und genau hier versagen analoge Lösungen (Flyer) komplett. Ein Flyer kann keine Herzfrequenz steuern und keine Progression (Steigerung der Intensität) abbilden.
Motus Health: Digitale Sportmedizin als Standard of Care
Wir haben Motus Health entwickelt, um genau diese Lücke zu schließen. Wir bringen die Prinzipien der Sportmedizin skalierbar in Ihr Patienten-Management.
Motus fungiert als der digitale Performance Coach für Ihre Patienten:
1. Risikoadaptierte Trainingssteuerung
Unsere Algorithmen basieren auf medizinischen Leitlinien. Ein Patient gibt seine Parameter ein (Alter, Vorerkrankungen, subjektives Belastungsempfinden – RPE). Die App erstellt einen Trainingsplan, der den Patienten fordert, aber nicht überfordert. Wir suchen den “Sweet Spot” für maximale physiologische Anpassung in kurzer Zeit.
2. Monitoring der “Trainingsdaten”
In der Sportmedizin werden Laktat und Herzfrequenz gemessen. Motus misst Adhärenz und subjektives Feedback (BORG-Skala).
Über das Clinician Dashboard sehen Sie als “Teamchef”, wie gut Ihre Athleten trainieren. Sie identifizieren sofort die Patienten, die “im Training Rückstand haben” (Low Adherence) und somit ein höheres Risiko für den Wettkampf (OP) mitbringen.
3. Multimodale Synergie
Wie im Spitzensport reicht Training allein nicht. Motus integriert die Sporternährung (Protein-Tracking) und das Mentaltraining (Stressreduktion/Fokus). Denn ein Athlet, der körperlich fit, aber mental blockiert (angstbesetzt) ist, bringt keine Leistung.
Fazit: Verwandeln Sie Zufall in Vorbereitung
“Surgery is a Marathon.” Dieser Satz ist mehr als eine Metapher. Er ist eine physiologische Realität.
Als Arzt haben Sie zwei Möglichkeiten:
- Sie hoffen, dass Ihr Patient den Marathon irgendwie übersteht, obwohl er nicht trainiert hat.
- Sie schicken ihn ins Trainingslager.
Mit Motus Health geben Sie Ihren Patienten Zugang zu professioneller, sportmedizinisch fundierter Vorbereitung – ohne dass Sie selbst zum Personal Trainer werden müssen.
Steigern Sie die anaerobe Schwelle Ihrer Patienten. Füllen Sie ihre physiologischen Reserven auf. Denn ein Patient mit Reserven ist ein Patient, der Komplikationen überlebt, schneller von der Intensivstation kommt und früher nach Hause geht.
Lassen Sie uns Ihre Patienten zu Athleten machen.
Starten Sie das "Trainingslager" für Ihre Patienten.
Nutzen Sie sportmedizinische Algorithmen zur Risikominimierung. Sehen Sie im Dashboard, welche Patienten bereit für den “Marathon” sind.
Quellen & Weiterführende Literatur
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[1] Snowden, C. P., et al. (2010). Submaximal cardiopulmonary exercise testing predicts complications and hospital length of stay in patients undergoing major elective surgery. Annals of Surgery, 251(3), 535-541. (Die Schlüsselstudie, die zeigt: Schlechte Fitness = Längere Klinikverweildauer).
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[2] West, M. A., et al. (2014). The effect of prehabilitation on objectively measured physical fitness after neoadjuvant treatment in preoperative rectal cancer patients: a blinded interventional pilot study. British Journal of Anaesthesia. (Beweis, dass Training auch während Chemo/Bestrahlung funktioniert).
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[3] Levett, D. Z., & Grocott, M. P. (2015). Cardiopulmonary exercise testing, prehabilitation, and enhanced recovery after surgery (ERAS). Canadian Journal of Anesthesia. (Verbindung von Sportmedizin/CPET und ERAS).
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[4] Lemanu, D. P., et al. (2013). A systematic review to assess the benefits of enhanced recovery after surgery programs in orthopedic surgery. (Zeigt die Notwendigkeit von multimodalen Ansätzen).


