Der Paradigmenwechsel: Vom “Schonen” zum “Dosieren”
Noch vor zwanzig Jahren war der ärztliche Rat an Krebspatienten unter Chemotherapie fast reflexhaft: “Schonen Sie sich. Ihr Körper leistet Schwerarbeit, ruhen Sie sich aus.”
Heute wissen wir, dass dieser gut gemeinte Ratschlag in vielen Fällen kontraproduktiv war. Körperliche Inaktivität während der onkologischen Systemtherapie führt zu einer rapiden Dekonditionierung. Der Patient verliert Muskelmasse, die kardiopulmonale Leistung sinkt, und die psychische Belastung steigt. Dieser Prozess verstärkt genau jene Nebenwirkungen, vor denen das “Schonen” eigentlich schützen sollte.
Die moderne Sportonkologie hat diesen Ansatz radikal verändert. Bewegung wird heute nicht mehr als Lifestyle-Option, sondern als evidenzbasierte supportive Therapie – quasi als “Co-Medikation” – verstanden.
Die zentrale Frage für Onkologen lautet heute nicht mehr, ob ein Patient trainieren darf, sondern: Wie dosieren wir Bewegung so präzise, dass sie die Verträglichkeit der Chemotherapie verbessert und die Relative Dosisintensität (RDI) sichert?
Die Physiologie: Warum Bewegung wie ein Medikament wirkt
Um den klinischen Nutzen zu verstehen, müssen wir die physiologischen Mechanismen betrachten. Sport in der Onkologie wirkt systemisch und molekularbiologisch wie ein pharmakologischer Wirkstoff.
1. Verbesserung der Vaskularisierung und Medikamenten-Distribution
Es gibt wachsende Hinweise aus präklinischen Modellen, dass körperliches Training die Tumorperfusion normalisieren kann. Hypoxische Tumorareale sind oft resistenter gegen Chemo- und Strahlentherapie. Eine durch Training verbesserte Mikrozirkulation könnte theoretisch dazu beitragen, dass das Zytostatikum das Zielgewebe effizienter erreicht.
2. Der Muskel als endokrines Organ
Skelettmuskulatur ist mehr als nur Mechanik. Kontrahierende Muskeln schütten Myokine (z.B. IL-6, Irisin) aus. Diese Botenstoffe haben potente anti-inflammatorische Wirkungen. Da systemische Inflammation ein Treiber für viele Krebsarten und Nebenwirkungen (wie Fatigue) ist, wirkt das Training hier direkt entzündungshemmend.
3. Schutz vor Kardiotoxizität
Bestimmte Zytostatika (z.B. Anthrazykline) sind bekannt für ihre Kardiotoxizität. Studien zeigen, dass aerobes Training protektiv auf das Myokard wirken kann und den Abfall der Ejektionsfraktion unter Therapie abmildert.
Das klinische Ziel: Die “Relative Dosisintensität” (RDI) sichern
Für den behandelnden Onkologen ist die Relative Dosisintensität (RDI) eine der wichtigsten Kennzahlen. Sie beschreibt das Verhältnis der tatsächlich verabreichten Dosis zur geplanten Standarddosis über einen bestimmten Zeitraum.
Sinkt die RDI unter 85 % (durch Dosisreduktionen oder verschobene Zyklen aufgrund von Toxizität), korreliert dies bei vielen Tumorentitäten (z.B. Mammakarzinom, Lymphome) mit einem schlechteren Gesamtüberleben.
Hier greift die Sportonkologie als protektiver Faktor ein:
- Weniger Therapieabbrüche: Patienten mit höherer körperlicher Fitness tolerieren die toxischen Effekte der Therapie besser.
- Schnellere Erholung des Blutbildes: Es gibt Hinweise, dass moderate Bewegung die hämatologische Erholung (Leukozyten/Thrombozyten) im Nadir-Zeitraum unterstützen kann, was pünktliche Folgezyklen ermöglicht.
- Reduktion von Neuropathien (CIPN): Die Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie ist oft dosislimitierend. Sensomotorisches Training ist derzeit eine der wenigen wirksamen Interventionen, um die Symptome zu lindern und die Funktionalität zu erhalten.
Ein Patient, der trainiert, ist ein Patient, der seine Therapie mit höherer Wahrscheinlichkeit “planmäßig” abschließen kann.
Der Endgegner: Cancer-Related Fatigue (CRF)
Die häufigste und belastendste Nebenwirkung der Krebstherapie ist nicht Übelkeit oder Schmerz, sondern die Fatigue. Bis zu 80 % der Patienten leiden unter dieser bleiernen, durch Schlaf nicht zu behebenden Erschöpfung.
Die pharmakologischen Optionen gegen Fatigue sind begrenzt und oft wenig effektiv. Hier ist die Evidenz für Bewegungstherapie erdrückend stark (Level-1-Evidenz). Meta-Analysen (z.B. Mustian et al., JAMA Oncology) zeigen, dass Bewegungstherapie wirksamer gegen Fatigue ist als Medikamente oder rein psychologische Interventionen.
Der Mechanismus ist simpel, aber effektiv: Inaktivität führt zu Muskelabbau, was jede Alltagsbewegung anstrengender macht, was zu mehr Erschöpfung und noch mehr Inaktivität führt. Sport durchbricht diesen Teufelskreis.
Die Implementierungslücke: Warum wir scheitern
Trotz dieser klaren Datenlage erhalten in Deutschland weniger als 20 % der Krebspatienten eine strukturierte Bewegungstherapie.
Warum? Weil die “Verschreibung” von Sport im klinischen Alltag an logistischen Hürden scheitert:
- Mangelnde Angebote: Spezialisierte onkologische Sportgruppen sind rar, oft ausgebucht oder nur in Ballungszentren verfügbar.
- Infektionsrisiko: Ein Patient im Leukozyten-Nadir (Immunsuppression) sollte keine öffentlichen Fitnessstudios oder volle Gruppenräume besuchen.
- Tagesform: Krebspatienten haben “gute” und “schlechte” Tage. Ein fester Termin am Dienstagabend um 18 Uhr funktioniert oft nicht, wenn der Patient sich nach der Chemo am Vormittag elend fühlt.
- Fehlende Expertise: Vielen Patienten fehlt das Vertrauen, eigenständig zu trainieren (“Darf ich das mit dem Port?”, “Was ist, wenn mir schwindelig wird?”).
Ohne Anleitung passiert oft nichts. Der Patient verharrt in der Inaktivität.
Die Lösung: Motus Health als skalierbare “Digitale Sportmedizin”
Um Sportonkologie flächendeckend anzubieten, müssen wir sie von Zeit und Ort entkoppeln. Motus Health digitalisiert die Prinzipien der Sportonkologie und macht sie für jeden Patienten verfügbar – sicher, überwacht und personalisiert.
1. Zyklus-basiertes Training (Periodisierung)
Die Motus-Plattform versteht den Therapieplan. Das Training ist nicht statisch, sondern passt sich an:
- An guten Tagen: Aufbauendes Training zur Stärkung der Reserven.
- An schlechten Tagen (Nadir): Reduzierte Intensität, Fokus auf Mobilisation, Entspannung oder leichte Yoga-Elemente. Dies verhindert Überforderung und sichert die Adhärenz auch in schwierigen Phasen.
2. Sicherheit im häuslichen Schutzraum
Mit Motus trainiert der immunsupprimierte Patient sicher zu Hause. Das Infektionsrisiko entfällt. Video-Anleitungen geben Sicherheit bei der Ausführung. Rote Flaggen (z.B. Fieber, Schmerzen) werden in der App abgefragt, bevor ein Training startet.
3. Supportivtherapie als Datenstrom (DKG-Zertifizierung)
Für Krebszentren, die sich nach den Kriterien der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifizieren lassen, wird der Nachweis von Supportivangeboten immer wichtiger. Motus liefert Ihnen die Daten: Sie können nachweisen, wie viele Ihrer Patienten Zugang zu Bewegungstherapie hatten und wie die Nutzung war. Das Clinician Dashboard ermöglicht es dem Behandlungsteam, die körperliche Aktivität als Vitalparameter zu überwachen.
Der psychologische Faktor: Self-Efficacy
Man darf den psychologischen Aspekt nicht unterschätzen. Eine Krebstherapie ist für den Patienten ein massiver Kontrollverlust. Er wird operiert, bestrahlt, infundiert. Er ist passiv.
Sport ist oft das Einzige, was der Patient aktiv selbst tun kann, um den Tumor zu bekämpfen. Motus gibt dem Patienten diese Kontrolle zurück. Das Gefühl, “etwas zu tun”, stärkt die Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy), reduziert Ängste und verbessert die Lebensqualität signifikant. Ein psychisch stabiler Patient ist ein adhärenter Patient.
Fazit: Bewegung gehört auf das Rezept
Die Zeit der unverbindlichen Empfehlungen ist vorbei. Bewegungstherapie in der Onkologie ist eine notwendige Co-Medikation, um die Toxizität der Behandlung zu managen und den Therapieerfolg zu sichern.
Mit Motus Health lösen Sie das logistische Problem der Sportonkologie. Sie bieten jedem Patienten – egal ob in der Stadt oder auf dem Land – Zugang zu einer evidenzbasierten, sicheren und überwachten Therapiebegleitung.
Helfen Sie Ihren Patienten, nicht nur zu überleben, sondern gut zu leben.
Integrieren Sie Sportonkologie in Ihren Standard-Pfad.
Bieten Sie Ihren Patienten eine evidenzbasierte Bewegungs-Therapie begleitend zur Chemo – ohne Personalmangel und Infektionsrisiko. Nutzen Sie Motus für besseres Fatigue-Management.
Quellen & Weiterführende Literatur
-
[1] Mustian, K. M., et al. (2017). Comparison of Pharmaceutical, Psychological, and Exercise Treatments for Cancer-Related Fatigue: A Meta-analysis. JAMA Oncology, 3(7), 961-968. (Die zentrale Studie, die belegt, dass Sport die effektivste Intervention gegen Fatigue ist).
-
[2] Cormie, P., et al. (2017). Exercise as medicine in the management of cancer: common questions and answers. CMAJ : Canadian Medical Association Journal, 189(42), E1307-E1308. (Zusammenfassung des Konsensus zur Sicherheit und Wirksamkeit).
-
[3] Schmitz, K. H., et al. (2019). Exercise is medicine in oncology: Engaging clinicians to help patients move through cancer. CA: A Cancer Journal for Clinicians, 69(6), 468-484. (Leitlinienpapier der American College of Sports Medicine).
-
[4] Streckmann, F., et al. (2014). Exercise intervention studies in patients with peripheral neuropathy due to chemotherapy: a systematic review. Supportive Care in Cancer. (Evidenz zu CIPN und Bewegung).


