Die ungenutzte Lücke zwischen Diagnose und Skalpell
Für den Patienten ist es der Moment, in dem die Zeit stillsteht: Die Diagnose einer malignen Erkrankung – sei es ein Kolorektalkarzinom, ein Pankreastumor oder ein Ösophaguskarzinom. Nach dem Schock folgt meist eine Phase hektischer Diagnostik (Staging), gefolgt von einer Phase des Wartens auf den OP-Termin.
Diese Zeitspanne, oft 2 bis 4 Wochen (bei neoadjuvanten Konzepten sogar Monate), wird im traditionellen klinischen Pfad als passive Wartezeit betrachtet. Der Patient wird nach Hause geschickt mit der Anweisung: “Ruhen Sie sich aus, essen Sie gut und kommen Sie am Tag X nüchtern wieder.”
Aus physiologischer und ökonomischer Sicht ist diese Passivität ein gravierender Fehler.
Wir wissen heute, dass der Funktionszustand des Patienten vor der Operation der stärkste Prädiktor für das Ergebnis nach der Operation ist. Einen Patienten mit einer konsumierenden Grunderkrankung unvorbereitet in ein Trauma wie eine große viszeralchirurgische Resektion zu schicken, widerspricht der modernen Evidenz.
Dieser Artikel beleuchtet, warum die Transformation dieser “Wartezeit” in aktive “Trainingszeit” (Prähabilitation) der wichtigste Hebel ist, um in der Viszeralchirurgie Komplikationsraten wie Anastomoseninsuffizienzen zu senken – und warum digitale Lösungen die einzige Möglichkeit sind, dies flächendeckend umzusetzen.
Der Feind im Inneren: Sarkopenie und Kachexie
Um die Notwendigkeit der onkologischen Prähabilitation zu verstehen, müssen wir den physiologischen Status des Patienten betrachten. Bis zu 40–70 % der Patienten mit gastrointestinalen Tumoren leiden zum Zeitpunkt der Diagnose bereits an einer Mangelernährung oder Sarkopenie (pathologischer Muskelschwund).
Dies ist keine rein ästhetische Frage (“Der Patient hat abgenommen”). Es ist ein funktionelles Disaster:
- Metabolische Kompetenz: Skelettmuskulatur ist der größte Proteinspeicher des Körpers. Nach dem chirurgischen Trauma (Stressantwort) benötigt der Körper massive Mengen an Aminosäuren für die Wundheilung, die Immunabwehr und die Akute-Phase-Proteine. Ist der Speicher (Muskel) leer, bricht das System zusammen.
- Sarkopenie als Risikofaktor: Zahlreiche Studien belegen eine direkte Korrelation zwischen Sarkopenie (oft gemessen am Psoas-Index im CT) und postoperativen Komplikationen. Sarkopene Patienten haben ein signifikant höheres Risiko für Anastomoseninsuffizienzen, Wundinfektionen (SSI) und eine erhöhte Mortalität.
- Das Kachexie-Paradox: Selbst adipöse Patienten können sarkopen sein (“sarcopenic obesity”). Sie wirken wohlgenährt, verfügen aber über keine funktionelle Muskelreserve. Ohne Screening und Intervention bleiben sie unentdeckte Hochrisikopatienten.
Die chirurgische Resektion selbst versetzt den Körper in einen hochgradig katabolen Zustand. Trifft dieser iatrogene Katabolismus auf eine vorbestehende tumorbedingte Kachexie, ist der “Perfect Storm” für Komplikationen vorprogrammiert.
Mehr als ERAS: Warum Fast-Track vor der Aufnahme beginnt
Das ERAS-Konzept (Enhanced Recovery After Surgery) hat die perioperative Medizin revolutioniert. Doch traditionelles ERAS konzentriert sich stark auf das intraoperative (z.B. Narkoseführung) und postoperative Management (z.B. Frühmobilisation).
Die Prähabilitation ist die logische Evolution von ERAS. Sie verlegt den Startpunkt der Optimierung um Wochen vor. Die Logik ist bestechend: Es ist physiologisch unmöglich, einen Patienten am Tag 1 nach einer Hemi-Kolektomie effektiv aufzutrainieren, wenn er völlig entkräftet in die OP gegangen ist.
Ein modernes, multimodales Prähabilitations-Konzept für onkologische Patienten ruht auf drei Säulen, die synergetisch wirken müssen:
1. Die anabole Säule (Ernährung)
Das Ziel ist es, den katabolen Teufelskreis zu durchbrechen. Es reicht nicht, “gesund” zu essen. Der Patient benötigt eine aggressive Proteinsubstitution (1,2 bis 1,5 g/kg Körpergewicht pro Tag), oft kombiniert mit Immunonutrition (z.B. Arginin, Omega-3). Nur so kann die Muskulatur auf den Reiz des Trainings reagieren und Speicher für die Wundheilung anlegen.
2. Die funktionelle Säule (Training)
Hier geht es nicht um Spaziergänge. Es geht um gezieltes Kraft- und Intervalltraining zur Steigerung der aeroben Kapazität und der Muskelkraft. Ein Patient, der seine anaerobe Schwelle vor der OP anhebt, verfügt über eine größere kardiopulmonale Reserve. Das bedeutet: Er verkraftet intraoperative Hypotonien oder postoperativen Stress besser, ohne in eine Gewebehypoxie (und damit in eine Anastomoseninsuffizienz) zu rutschen.
3. Die mentale Säule (Empowerment)
Die Diagnose Krebs erzeugt Angst und Hilflosigkeit. Angst erhöht die Schmerzwahrnehmung und den Analgetikabedarf. Prähabilitation gibt dem Patienten die Kontrolle zurück (“Ich kann selbst etwas zu meiner Heilung beitragen”). Diese Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy) reduziert nachweislich präoperative Angst und postoperativen Schmerzmittelbedarf.
Das Implementierungs-Dilemma: Warum scheitert es im Alltag?
Wenn die Evidenz so klar ist, warum durchläuft nicht jeder onkologische Patient ein strukturiertes Prähabilitationsprogramm?
Die Hürden sind logistischer Natur:
- Zeitdruck: Das Zeitfenster ist kurz.
- Geographie: Spezialisierte Krebszentren haben große Einzugsgebiete. Einem immungeschwächten Patienten ist es nicht zuzumuten, für 30 Minuten Training täglich 50 Kilometer in die Klinik zu fahren.
- Ressourcen: Den Kliniken fehlen Physiotherapeuten und Ernährungsberater, um jeden Patienten intensiv 1:1 zu betreuen.
Das Ergebnis ist oft der berühmte “Flyer”: Ein gut gemeinter Zettel mit Übungen, den der Patient zu Hause verlegt oder falsch ausführt. Ohne Monitoring und Feedback liegt die Adhärenz solcher “Heim-Programme” oft unter 20 %.
Hier scheitert der analoge Prozess. Eine Intervention, die nicht stattfindet (oder falsch durchgeführt wird), kann nicht wirken.
Die digitale Lösung: Motus Health als “Remote-Klinikarm”
Um die Lücke zwischen medizinischer Notwendigkeit und logistischer Machbarkeit zu schließen, ist eine digitale Plattform kein “Nice-to-have”, sondern die einzige skalierbare Lösung.
Motus Health übersetzt die Leitlinien der onkologischen Prähabilitation in einen app-basierten Prozess, der den Patienten dort erreicht, wo er die Wartezeit verbringt: zu Hause.
1. Adhärenz statt Hoffnung
Über die Motus-App erhält der Patient seinen täglichen “Fahrplan”. Video-angeleitetes Training (angepasst an seinen Status), Ernährungstagebücher (Protein-Tracking) und mentale Vorbereitung. Der entscheidende Unterschied zum Flyer: Die App gibt Feedback, erinnert und motiviert.
2. Das Clinician Dashboard: Risikosteuerung in Echtzeit
Für das Behandlungsteam (Chirurg, Case Manager, Onkologische Pflege) macht Motus die Prä-OP-Phase transparent.
- Das Dashboard zeigt: Erreicht Patient Müller sein Proteinziel? Macht Patientin Meier ihre Atemübungen?
- Wenn die Adhärenz abfällt, poppt eine Warnung auf. Das Team kann gezielt intervenieren (z.B. telefonisch), statt im Blindflug zu hoffen.
3. Sicherheit und Personalisierung
Ein 80-jähriger Pankreas-Patient trainiert anders als ein 50-jähriger Kolon-Patient. Die Algorithmen von Motus passen die Belastung an die individuelle Leistungsfähigkeit an. Sicherheitsabfragen vor jedem Training stellen sicher, dass sich der Patient nicht übernimmt (z.B. bei akuter Übelkeit unter neoadjuvanter Chemo).
Der Business Case: Warum sich Prähabilitation rechnet
Für Krankenhaus-Manager und Controller mag “Training” zunächst nach einem Kostenfaktor klingen. Doch in der Viszeralchirurgie ist das Gegenteil der Fall. Prähabilitation ist eine Investition in Risikominimierung (Risk Mitigation).
Betrachten wir den teuersten Fall: Die Anastomoseninsuffizienz. Die Kosten für eine Insuffizienz (Re-OP, Intensivstation, Vakuum-Therapie, lange Liegezeit) liegen schnell zwischen 20.000 € und 50.000 €. Diese Kosten sind durch die DRG-Pauschale oft nicht gedeckt, insbesondere wenn die Liegezeit extrem überschritten wird.
Die Rechnung ist einfach:
- Wenn digitale Prähabilitation durch bessere Durchblutung und Ernährungsstatus auch nur eine Anastomoseninsuffizienz pro 20 Patienten verhindert, hat sich das System für die gesamte Kohorte bereits mehrfach amortisiert.
- Hinzu kommt die Reduktion der regulären Verweildauer (LoS). Studien (z.B. West et al.) zeigen eine Reduktion der LoS um durchschnittlich 2 Tage bei prähabilitierten Patienten. Bei Tagessätzen von 600–800 € auf der Normalstation ist dies ein direkter Erlöshebel.
Fazit: Vom “Patienten-Opfer” zum “Patienten-Partner”
Die Zeiten, in denen wir Patienten passiv ihrem chirurgischen Schicksal überlassen haben, sind vorbei. In der Onkologie, wo der Körper bereits gegen den Tumor kämpft, können wir es uns nicht leisten, Patienten geschwächt in die Operation zu schicken.
Die Wartezeit vor der OP ist die wertvollste Zeit, die wir haben. Mit Motus Health geben Sie Ihren Patienten das Werkzeug an die Hand, diese Zeit aktiv zu nutzen. Sie verwandeln den Patienten vom passiven Objekt der Behandlung zum aktiven Partner im Genesungsprozess.
Das Ergebnis ist eine Triple-Win-Situation:
- Bessere Outcomes und weniger Komplikationen für den Patienten.
- Höhere Patientenzufriedenheit und psychische Stabilität.
- Ökonomische Effizienz für die Klinik durch reduzierte LoS und vermeidbare Kosten.
Starten Sie jetzt den Paradigmenwechsel: Machen Sie aus Wartezeit Trainingszeit.
Reduzieren Sie das Risiko von Anastomoseninsuffizienzen.
Implementieren Sie ein standardisiertes, digitales Prähabilitations-Programm für Ihre viszeralchirurgischen Patienten. Sehen Sie im Motus-Dashboard, wie Ihre Patienten “OP-fit” werden.
Quellen & Weiterführende Literatur
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[1] West, M. A., et al. (2016). The effect of neoadjuvant chemotherapy and prehabilitation on physical fitness and postoperative outcome in patients undergoing oesophago-gastric cancer surgery. European Journal of Surgical Oncology, 42(9), 1319-1327. (Belegt die Machbarkeit und Effektivität während der Chemotherapie).
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[2] Gillis, C., et al. (2014). Prehabilitation versus rehabilitation: a randomized control trial in patients undergoing colorectal resection for cancer. Anesthesiology, 121(5), 937-947. (Die bahnbrechende Studie, die zeigte, dass Prähab besser ist als Reha: 84% der Prähab-Patienten waren 8 Wochen post-OP wieder auf Ausgangsniveau, vs. 62% der Reha-Gruppe).
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[3] Barberan-Garcia, A., et al. (2018). Personalized Prehabilitation in High-risk Patients Undergoing Elective Major Abdominal Surgery: A Randomized Blinded Controlled Trial. Annals of Surgery, 267(1), 50-56. (Zeigt eine Reduktion der postoperativen Komplikationen um 51% in der Hochrisikogruppe).
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[4] Mourtzakis, M., et al. (2008). A practical and precise approach to quantification of body composition in cancer patients using computed tomography images acquired during routine care. Applied Physiology, Nutrition, and Metabolism. (Grundlage zur Sarkopenie-Diagnostik).


