Univ. Prof. Dr. Wilhelm Bloch zählt zu den führenden Stimmen der molekularen und regenerativen Sportmedizin. An der Deutschen Sporthochschule Köln leitet er das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin und ist Prorektor für Ressourcen und nachhaltige Entwicklung. Er erforscht, wie Muskeln altern, wie sie sich unter Belastung regenerieren und was das für Spitzensportlerinnen und Spitzensportler ebenso bedeutet wie für ältere, gebrechliche Patientinnen und Patienten vor einem operativen Eingriff.
Gebrechlichkeit ist kein plötzliches Ereignis. Sie ist ein biologischer Prozess, der schleichend beginnt und oft unbemerkt bleibt. Dennoch wird sie im medizinischen Alltag häufig als unveränderbarer Zustand behandelt. Dabei zeigt die Forschung: Selbst ein geschwächter Körper kann sich anpassen, wenn er gezielte Reize bekommt.
Wir haben mit Prof. Bloch darüber gesprochen, wie sich Gebrechlichkeit auf zellulärer Ebene entwickelt, welche Rolle Muskelmasse, Entzündung und strukturiertes Training spielen und wie digitale Plattformen wie Motus helfen können, wissenschaftlich fundierte Prävention in die klinische Praxis zu bringen. Ein Gespräch darüber, was der Körper sich merkt und was die Medizin zu oft vergisst.
Q1 : Herr Professor Bloch, Sie haben sowohl Leistungssportler:innen als auch ältere Patient:innen untersucht. Was hat Sie an der Regeneration älterer Körper am meisten überrascht?
Die hohe Anpassungsfähigkeit des Körpers, die wir durch körperliches Training erzeugen können. Dies betrifft praktisch alle Organe und Gewebe des menschlichen Körpers. Auch im Alter kann ein Teil dieser Anpassungsfähigkeit aktiviert werden. Unser Muskel baut sich zum Beispiel permanent um, mit einem Proteinumbau von etwa einem Prozent pro Tag. Das heißt: Auch wenn viele glauben, der alternde Körper könne sich nicht mehr verändern, sehen wir in der Forschung, dass er selbst im hohen Alter noch erstaunlich flexibel auf Reize reagiert.
Q2: Was passiert auf zellulärer Ebene, wenn Muskelmasse abnimmt – und warum ist das weit mehr als nur ein Kraftverlust?
Es werden mehr Proteine abgebaut als aufgebaut, dadurch verlieren wir Kontraktionseinheiten und damit Kraft. Aber das ist längst nicht alles. Die Muskulatur ist auch ein regulierendes „Organ“ und steuert über die Freisetzung von Botenstoffen und Metaboliten nahezu jedes Organ des Körpers. Wenn Muskelmasse abnimmt, geht also nicht nur Kraft verloren, sondern auch ein entscheidender Teil dieser Regulation. Das betrifft Herz, Gehirn, Stoffwechsel – letztlich den gesamten Organismus.
Q3: Gibt es auch jenseits der 70 noch messbares Regenerationspotenzial? Was passiert biologisch, wenn Patient:innen anfangen, sich wieder regelmäßig zu bewegen – auch nur ein wenig?
Ja, auch jenseits der 70 passt sich unser Körper an – und dieses Potenzial können wir durch Training aktivieren. So gewinnt die Muskulatur nicht nur an Masse, sondern auch an Leistungsfähigkeit. Besonders wichtig ist in diesem Alter jedoch die Anpassung des Herz-Kreislauf-Systems: Gefäße werden funktionell und strukturell flexibler, die Regulation verbessert sich, die Herzleistung steigt. Darüber hinaus profitiert auch unser Gehirn vom Training – es wird leistungsfähiger, Stressresistenz und kognitive Funktionen verbessern sich. Selbst kleine, regelmäßige Reize machen hier biologisch einen messbaren Unterschied.
Q4: Wenn Sie gebrechlichen Patient:innen vor einer Operation nur eine biologische Wahrheit mit auf den Weg geben könnten – welche wäre das?
Der Körper sollte auf den Stress und die Belastung vorbereitet sein. Operationen bedeuten für den Organismus immer eine enorme Herausforderung. Damit er diese bewältigen kann, braucht es Anpassungs- und Regenerationsfähigkeit. Diese Voraussetzung wird nicht erst nach der Operation geschaffen, sondern schon davor. Durch gezieltes körperliches Training lassen sich diese Anpassungsprozesse anstoßen – und genau das entscheidet am Ende über die Qualität der Genesung.
Q5: Können digitale Plattformen die Art von strukturierter, präziser Vorbereitung, die sonst nur Spitzensportler:innen erhalten, für alle zugänglich machen? Oder sind wir technologisch noch nicht so weit?
Wir verfügen bereits über die technologischen Möglichkeiten, das Wissen über die Steuerung körperlicher Aktivität und darüber, wie sich damit Anpassungs- und Regenerationspotenziale aktivieren lassen, für alle zugänglich zu machen. Die eigentliche Herausforderung liegt heute nicht mehr in der Technologie selbst, sondern darin, wie konsequent wir sie einsetzen. Diese Instrumente sollten systematisch genutzt werden, damit Patientinnen und Patienten – unabhängig von ihrem Hintergrund – besser auf die Belastungen einer Operation vorbereitet werden und sich im Anschluss wirksamer erholen können.
Q6: Was wünschen Sie sich, dass Krankenhäuser besser über Muskulatur, Gebrechlichkeit und Operationsrisiken verstehen?
Es sollte klar sein, welches Potenzial eine Steigerung der individuellen Leistungsfähigkeit durch Training für die Bewältigung von Operationsstress und für die anschließende Regeneration hat. Die Grundsteine dafür werden nicht nach, sondern vor der Operation gelegt. Ein gezielter Muskelaufbau verbessert nicht nur die Mobilität, sondern auch die Gesamtresilienz des Körpers. Deshalb sollte er in jedem präoperativen Konzept berücksichtigt werden. Krankenhäuser, die dies ernst nehmen, haben die Chance, Komplikationen zu senken und Patienten sicherer durch den Eingriff zu führen.


